1. Was sind OTC-Aktien?
OTC steht für Over the Counter – auf Deutsch: „über den Tresen". OTC-Aktien sind Wertpapiere, die nicht an einer regulären Börse wie der Frankfurter Wertpapierbörse oder dem XETRA gehandelt werden, sondern direkt zwischen Käufer und Verkäufer über spezialisierte Handelshäuser.
In Deutschland ist die Valora Effekten Handel AG (gegründet 1988, Ettlingen) der bedeutendste OTC-Marktmacher für Inhaberaktien kleiner und mittelständischer Unternehmen. Valora stellt für ca. 112 Aktien verbindliche Geld- und Briefkurse.
OTC vs. Börsenhandel – die wichtigsten Unterschiede
| Merkmal | Börse (XETRA/Frankfurt) | OTC (z.B. Valora) |
|---|---|---|
| Transparenz | Hoch – Orderbook öffentlich | Gering – kein öffentliches Orderbook |
| Liquidität | Hoch (Bluechips) | Niedrig bis sehr niedrig |
| Handelszeiten | Mo–Fr 9–17:30 Uhr | Mo–Fr 9–17 Uhr (telefonisch) |
| Spreads | Eng (Cent-Bereich) | Weit (oft 5–20%) |
| Mindestorder | 1 Stück | Stückelungsabhängig |
| Handelsweg | Online-Broker | Telefon, Depotbank |
| Aufsicht | BaFin, Deutsche Börse | BaFin (WpHG), Gewerberecht |
2. So kaufen Sie OTC-Aktien
Der Kauf einer OTC-Aktie läuft anders ab als der Kauf über eine Börse. Es gibt keinen Online-Orderbutton – stattdessen erteilen Sie den Auftrag über Ihre Depotbank oder direkt bei Valora.
Sie benötigen ein Wertpapierdepot bei einer Bank, die den OTC-Handel mit Valora ermöglicht. Fragen Sie explizit nach: „Können Sie Inhaberaktien von Valora Effekten Handel AG für mich kaufen?"
Rufen Sie bei Ihrer Depotbank oder direkt bei Valora an (Tel. 07243 / 9 40 90) und fragen Sie nach einem verbindlichen Kurs für die gewünschte ISIN. Der Briefkurs ist Ihr Kaufpreis.
Erteilen Sie die Order mit: ISIN, Stückzahl, Kursart (Briefkurs oder Limit). Limits sind ratsam, um nicht zu einem schlechten Kurs einzukaufen.
Die Abwicklung erfolgt über Ihre Depotbank. Prüfen Sie vorab, ob diese Inhaberaktien verwahren kann – manche Direktbanken lehnen dies ab.
3. Risiken & Besonderheiten
Illiquidität
OTC-Aktien haben oft kaum Handelsvolumen. Es kann Tage oder Wochen dauern, bis ein Käufer oder Verkäufer gefunden wird. Im Notfall sind Positionen nicht schnell verkäuflich.
Weite Spreads
Die Differenz zwischen Geld- und Briefkurs beträgt oft 10–25%. Bei der AG Norden-Frisia z. B. ca. 380 EUR Spread. Jeder Kauf beginnt bereits im Minus.
Geringe Transparenz
Viele OTC-Unternehmen veröffentlichen keine Quartalsberichte. Jahresabschlüsse sind oft nur im Bundesanzeiger verfügbar und mit Verzögerung.
Kein Insolvenzschutz bei Emittent
Im Insolvenzfall des Unternehmens sind Aktionäre nachrangig. Der Totalverlust ist möglich und wird nicht durch staatliche Einlagensicherung abgedeckt.
Bewertungsschwierigkeiten
Ohne Börsenhandel gibt es keinen "fairen Marktpreis". Valora stellt Kurse als Marktmacher – diese spiegeln Angebot und Nachfrage wieder, aber nicht zwingend den inneren Unternehmenswert.
Paketgeschäfte
Große Transaktionen werden oft als "Paket" außerhalb des regulären Quotierungssystems gehandelt. Diese Kurse erscheinen nicht im normalen Kursverlauf.
4. Nebenwerte-Strategie
Wer gezielt in OTC-Nebenwerte investiert, verfolgt oft eine Value-Investing-Strategie: Suche nach unterbewerteten Unternehmen mit solidem Geschäftsmodell, die aufgrund geringer Bekanntheit günstig zu haben sind.
Typische Merkmale interessanter OTC-Nebenwerte:
- Lange Unternehmensgeschichte (z. B. >50 Jahre) – deutet auf Krisenresistenz hin
- Regelmäßige Dividenden – trotz fehlender Börsenpflicht zahlen viele OTC-AGs stabile Dividenden
- Familienkontrollierte Unternehmen – oft konservativ geführt, wenig Verschuldung
- Niedrige Kurs-Buchwert-Verhältnisse – wenn Grundkapital und Aktienanzahl bekannt sind, lässt sich eine grobe Bewertung anstellen
- Nischen-Monopole – z. B. regionale Reedereien auf festen Routen ohne direkten Wettbewerb
5. Das richtige Depot
Nicht jede Depotbank verwahrt Inhaberaktien. Vor allem Direktbanken und Neobroker lehnen OTC-Inhaberaktien häufig ab. Folgende Kriterien sind entscheidend:
- Unterstützung von Inhaberaktien (nicht nur Namensaktien)
- Möglichkeit der telefonischen Orderaufgabe oder Kooperation mit Valora
- Keine prohibitiven Depotgebühren für illiquide Wertpapiere
- Gute Erreichbarkeit des Kundendienstes (wichtig bei Telefon-Orders)
Klassische Filialbanken, Volksbanken, Sparkassen sowie spezialisierte Depotbanken sind oft besser geeignet als reine Online-Broker.
6. Steuerliche Behandlung
OTC-Aktien unterliegen denselben steuerlichen Regelungen wie börsengehandelte Aktien:
- Kursgewinne werden mit der Abgeltungssteuer (25% + Soli + ggf. KiSt) besteuert
- Dividenden unterliegen ebenfalls der Abgeltungssteuer (Kapitalertragsteuer)
- Der Sparer-Pauschbetrag (1.000 EUR / 2.000 EUR für Ehepaare) kann auch für OTC-Erträge genutzt werden
- Verluste aus Aktienverkäufen können nur mit Gewinnen aus Aktienverkäufen verrechnet werden (§ 20 Abs. 6 EStG)
- Bei Dividenden aus dem Ausland (z. B. bei ausländischer ISIN) können Quellensteuerprobleme entstehen
7. Rechtliches – Was Anleger wissen müssen
Wichtige rechtliche Aspekte beim OTC-Kauf:
- § 34b WpHG / MAR: Kursmanipulation und Insiderhandel sind auch im OTC-Bereich strafbar
- Prospektpflicht: Für rein OTC-gehandelte Aktien besteht in der Regel keine Prospektpflicht nach der EU-Prospektverordnung – Anleger erhalten daher weniger formale Schutzrechte
- MiFID II / WpHG: Valora als Wertpapierdienstleister unterliegt der MiFID-II-Regulierung, muss Anleger klassifizieren und Geeignetheitsprüfungen durchführen
- Einlagensicherung: Aktien in Ihrem Depot sind Sondervermögen und bei Insolvenz der Depotbank geschützt (§ 84 WpHG). Das Insolvenzrisiko des Unternehmens selbst ist davon nicht erfasst