1. Liquiditätsrisiko – Das größte Risiko im OTC-Handel
Das Liquiditätsrisiko ist das charakteristischste Risiko bei OTC-Aktien. Anders als bei Börsenwerten gibt es kein tiefes Orderbuch mit vielen Käufern und Verkäufern. Valora Effekten Handel AG stellt zwar für ca. 112 Aktien verbindliche Kurse, jedoch ist der Market Maker nicht verpflichtet, unbegrenzte Mengen abzunehmen.
In der Praxis bedeutet dies: Wenn Sie eine größere Position verkaufen möchten, kann dies den Kurs erheblich bewegen. Bei sehr kleinen Gesellschaften kann ein einzelner Verkaufsauftrag über einige tausend Euro den Geldkurs spürbar nach unten drücken. Umgekehrt kann ein Kauf die Preise treiben.
Keine sofortige Veräußerbarkeit
In Krisenzeiten oder bei plötzlichem Liquiditätsbedarf können OTC-Positionen nicht kurzfristig zu fairen Preisen verkauft werden. Dies kann Anleger in ernsthafte finanzielle Schwierigkeiten bringen.
Markttiefe sehr gering
Bei manchen OTC-Titeln werden nur wenige Stücke pro Monat gehandelt. Valora quotiert zwar Preise, aber die tatsächlich handelbare Menge kann sehr begrenzt sein.
Kurseinfluss durch eigene Orders
Selbst moderate Kauforders können bei illiquiden Titeln den Kurs deutlich nach oben treiben. Anleger "handeln gegen sich selbst", wenn sie große Positionen aufbauen möchten.
Praxistipp: Halten Sie OTC-Positionen nur, wenn Sie diese über viele Jahre halten können und müssen. Nutzen Sie OTC-Aktien nie als kurzfristige Anlage oder zur Überbrückung finanzieller Engpässe.
2. Spread-Kosten – Der unsichtbare Kaufpreis-Aufschlag
Der Spread ist die Differenz zwischen dem Geldkurs (dem Preis, zu dem Valora kauft) und dem Briefkurs (dem Preis, zu dem Valora verkauft). Bei börsennotierten Blue Chips beträgt dieser Spread wenige Cent. Bei OTC-Aktien kann er 5–25% des Aktienwerts betragen.
Ein konkretes Beispiel: Eine Aktie hat einen Geldkurs von 800 EUR und einen Briefkurs von 1.000 EUR. Wer heute kauft und morgen wieder verkauft, verliert bereits 20% – ohne jede Kursbewegung. Der Spread ist damit die wichtigste implizite Kostenkomponente im OTC-Handel.
| Handelssegment | Typischer Spread | Beispiel (Kurs 1.000 EUR) | Break-even-Haltedauer |
|---|---|---|---|
| DAX-Aktie (XETRA) | 0,01–0,05% | 0,10–0,50 EUR | Sofort |
| SDAX / Nebenwerteindex | 0,1–0,5% | 1–5 EUR | Tage bis Wochen |
| OTC (liquider Titel) | 5–10% | 50–100 EUR | 1–3 Jahre |
| OTC (illiquider Titel) | 15–25% | 150–250 EUR | 5–10 Jahre |
3. Delisting-Risiko – Wenn der Handel plötzlich endet
Ein Delisting liegt vor, wenn Valora die Quotierung einer Aktie einstellt, oder wenn das Unternehmen selbst beschließt, seine Aktien nicht mehr handeln zu lassen. Nach einem Delisting ist es für Anleger außerordentlich schwierig, ihre Aktien zu verkaufen.
Mögliche Gründe für ein Delisting im OTC-Bereich:
- Das Unternehmen fusioniert mit einem anderen oder wird vollständig übernommen
- Die Hauptversammlung beschließt die Umwandlung in eine GmbH (Formwechsel)
- Das Unternehmen wird insolvent und das Insolvenzverfahren eröffnet
- Valora beendet die Quotierung mangels Handelsnachfrage
- Squeeze-out: Großaktionäre können Kleinaktionäre bei ausreichender Mehrheit herausdrängen
4. Informationsasymmetrie – Ungleiche Informationsverteilung
Bei börsengelisteten Unternehmen sind Insiderinformationen verboten und es gilt umfangreiche Ad-hoc-Publizität. Bei OTC-Unternehmen veröffentlichen viele nur das gesetzlich vorgeschriebene Minimum: den Jahresabschluss im Bundesanzeiger, oft mit erheblicher Verspätung.
In der Praxis bedeutet dies:
- Hauptaktionäre und Unternehmensinsider haben einen massiven Informationsvorsprung
- Aktuelle Entwicklungen (z. B. Auftragslage, Immobilienbewertung) sind für externe Anleger kaum zugänglich
- Quartalsberichte, Investor-Relations-Veranstaltungen oder Analystenkonferenzen gibt es in der Regel nicht
- Die Hauptversammlung ist oft die einzige offizielle Informationsquelle – und die ist selten öffentlich
5. Totalverlustrisiko – Der Worst Case
Wie bei jeder Aktienanlage besteht beim Kauf von OTC-Aktien das Risiko des Totalverlusts. Aktionäre sind bei einer Insolvenz nachrangige Gläubiger: Erst werden Forderungen von Arbeitnehmern, dem Finanzamt, Lieferanten und Banken bedient. Was übrig bleibt – oft nichts – fließt an die Aktionäre.
Besonders bei sehr kleinen Unternehmen mit eingeschränkter Diversifikation des Geschäftsmodells (z. B. eine Reederei mit zwei Schiffen) kann ein einzelnes Ereignis – Havarie, Wegfall einer Linienlizenz, Tod des Alleingesellschafters – das Unternehmen in Schieflage bringen.
Unternehmensinsolvenz
Bei Insolvenz sind Aktionäre nachrangig. In der Praxis erhalten Aktionäre bei kleinen Insolvenzen meist keine Entschädigung.
Squeeze-out zu Niedrigpreis
Wird ein Squeeze-out zu einer aus Sicht der Minderheitsaktionäre zu niedrigen Abfindung durchgeführt, ist ein Klageweg möglich, aber kostspielig und langwierig.
6. Risiken begrenzen – Checkliste für OTC-Anleger
OTC-Risiken lassen sich nicht eliminieren, aber durch umsichtiges Vorgehen deutlich reduzieren:
OTC-Positionen sollten nie mehr als 10–20% Ihres liquiden Gesamtvermögens ausmachen. Der Großteil Ihrer Ersparnisse gehört in liquide, regulierte Wertpapiere.
Laden Sie jährlich den aktuellen Jahresabschluss herunter. Achten Sie auf Eigenkapitalveränderungen, Verluste und ungewöhnliche Bilanzpositionen.
Unternehmen, die über 20+ Jahre regelmäßig Dividende gezahlt haben, zeigen damit nachhaltige Profitabilität. Dies ist kein Garant, aber ein starkes Indiz für Stabilität.
Investieren Sie in 5–15 verschiedene OTC-Aktien aus unterschiedlichen Sektoren. Nie mehr als 3–5% des Gesamtportfolios in eine einzelne Position.
Kaufen Sie nur, wenn Sie vorhaben, die Aktie langfristig zu halten. Die Spread-Kosten amortisieren sich erst nach mehreren Jahren durch Dividenden und Kursgewinne.